Donnerstag, 12. Juni 2008
Aus meinem Tagebuch
Wer hätte so was gedacht? Seit gestern kann ich
nicht sitzen. Den Tag habe ich im Stehen verbracht. Es ist nicht
einfach. Probieren Sie es Mal! jetzt weiss ich diejenigen, die den
Stuhl, das Sofa oder die Bank erfunden haben, tatsächlich eine große
Leistung hervorgebracht haben. Dieses Geschehen hat meinen Blick auf
die Welt grundlegend verändert. In alles, was ich nun mehr in meiner
Umgebung sehe, finde ich einen Sinn, der mir vorher verborgen gewesen
ist. Ich weiss nun, dass ohne Stuhl, Tisch, Sofa, Brille, Teller, Schuhe
oder Papier mir etwas fehlen würde. Alle Gegenstände um mich herum
tragen eine Philosophie in sich. Meine Hose ist mir jetzt sehr wichtig
und meine Unterhose noch wichtiger. Für die empfinde ich einen tiefen
Respekt. Wie könnte ich weiter machen, wenn meine Hose sich weigern
würde von mir getragen zu werden. Nun aber weigern sich alle Stühle mir
einen Platz zu bieten. Es liegt zwar nicht ganz an den Stühlen. Zum
Teil liegt es an mir selbst. Ich habe eine Wunde am Po, seit gestern.
Dass
die Gegenstände sich gegen die Menschen wehren und sie ablehnen kommt
eher selten vor, das Umgekehrt aber andauernd. Ich erinnere mich, dass
ich manche meiner Kleidungsstücke nicht getragen habe, obwohl sie seit
langer Zeit sauber und gebügelt im Schrank stehen. Manchmal liegen die Obste
so lange auf dem Tisch bis sie schließlich verderben und ich muss sie
in den Mülleimer werfen. Oder viele Sachen, die ich für lange Zeit
vernachlässige bis sie nicht mehr verwendbar sind. Damit ist aber
erst mal vorbei. Nun bin ich gegenüber meinem bescheidenen Besitz
aufmerksam geworden. Ich bin freundlicher und zeige mehr Sympathie. Ich
bedanke mich von meiner Wohnungstür wenn sie sich öffnen lässt. Ich
bitte um Erlaubnis, wenn ich das Fenster öffnen will und ich küsse mein
Bett, wenn ich mich hinlege. Ist es eigentlich die Angst, die die
Menschen vernünftig machen? Angst vor Verlust und Verlassenheit?
Oder
ist es eine neue Weltanschauung, die hinter jede Erscheinung ein
lebendiges Wesen sieht, das Zuwendung und Achtung verlangt? Ich weiss nicht genau. Ich weiss aber wenn die Harmonie und Zusammenarbeit verschwindet, funktioniert nichts mehr.
Und ohne Gleichberechtigung kann es keine Harmonie geben und keinen Frieden. Und ich weiss falls eines Tages mein Kuli aufhören würde zu schreiben, weil er sich benachteiligt fühlen würde, dann wäre ich verloren.
Mein Stuhl hat mich gelehrt, dass die Kleinen, die Einfachen und Gewöhnlichen nicht weniger Gewicht haben als die Grössen und die Seltsamen. Mein kleiner Fahrrad ist nicht weniger Wert als das grösste
Flugzeug der Welt und ich soll es ihm merken lassen. Die Kleinen nutzen
viel mehr und kosten viel weniger. Es kann mir nicht schaden, wenn ich
nicht weiss was die Relativitätstheorie behauptet oder wie ein Supernova
vor sich hergeht. Aber wenn ich die alltäglichen Regeln nicht kenne,
bekomme ich immer böse Abszesse.
Alles begann am gestrigen Morgen
dem ersten Juni. Ich wurde aufgeweckt als die Handwerker bei ihrer
Arbeit im Haus zu laut waren. In Hochhäusern gibt es immer etwas zu
tun. Ich beklage mich nicht über den Krach im Haus sonst würde ich
wahrscheinlich den ganzen Tag schlafen. Ich schlafe immer zu spät,
niemals vor der Mitternacht. Besonderes im Bett gibt es viel zu tun.
Als
ich aufstand merkte ich nichts. Hände gewaschen und Zähne geputzt
öffnete ich den Kühlschrank auf der Suche nach etwas zum Frühstücken.
Der Kühlschrank war leer, die Marmelade stank fürchterlich. Das Datum
vom Butter war abgelaufen. So rächten sie sich an mir wieder. Tee und
Zwieback waren aber noch vorhanden. Wir waren uns in letzter Zeit ein
gutes Stück näher gekommen. Ich nahm die Teetasse in die Hand und ging
zum Tisch, auf dem das Päckchen Zwieback lag. Als ich mich setzen
wollte begann der grosse Horror. Mit einer qualvollen Wehklage sprang
ich vom Platz auf und war bitterlich erschrocken. Etwas hatte mich am
Po gebissen. Es war der erste Eindruck. Am Stuhl war nichts zu sehen,
keine Schlange, kein Skorpion, nichts. Ich ging erbleicht und
aufgeschreckt zum Spiegel, betrachtete den Po rechts und links und
entdeckte ein kleines rotes Punkt in der Mitte meines Pos . Ich tastete
es und spürte einen furchtbaren Schmerz. Wollte mein Po mich bestrafen?
Hatte ich ihn vernachlässigt? Hatte ich was Falsches getan oder gesagt?
Ich dachte nach und fiel mir nichts auf. Es ist zwar heutzutage nicht
ungewöhnlich, dass man bestraft wird ohne etwas angestellt zu haben.
Das Leben spielt launisch und ist manchmal merkwürdig. Dieses Spiel fand
ich aber nicht lustig. Ich hatte nicht viel Zeit darüber nachzudenken.
Machte mich fertig um raus zu gehen, natürlich ohne zu sitzen.
Jetzt hatte ich die grosse
Sorge den Tag ohne zu sitzen zu verbringen. Wie könnte ich den anderen
erklären, warum ich nicht sitzen kann, wenn sie mich baten mich
hinzusetzen. Sollte ich auf meinen Po hinweisen? Bestimmt würde jeder
darüber lachen, dann sollte ich noch genauer erklären was los war und
alle Augen würden sich auf meinen Po richten. Nein!
Es wäre ganz
peinlich. Aber wie sonst konnte ich erklären, dass ich nicht sitzen
konnte? Sollte ich behaupten, ich befand mich im Stehstreik gegen alle
Herrschaften, die nur an ihrem Tisch sitzen und nichts tun? Wer
interessiert sich überhaupt, das die Menschen streiken. Ausserdem ist es
lächerlich allein in Streik zu treten. Dafür brauche ich eine
Gewerkschaft, eine Gruppe der Gleichgesinnten, die lang genug auf den
Beinen bleiben und nicht aufgeben.
Auf einmal hatte ich eine geniale Idee, eine denagogische
Ausrede. Ja, ich fand es wahrhaftig. Ich konnte behaupten, dass ich
einem Glauben oder einer Religion angehöre, die mich verbietet vor dem
Sonnenuntergang zu sitzen. Warum auch nicht?
Es gibt genug Unsinn
auf der Welt. Es kann niemandem schaden, wenn ich auch Mal was
Blödsinnes erfinde. Es erregt keinen Verdacht. Zum ersten Mal in meinem
Leben entdeckte ich etwas Positives an Religion.
Das Problem scheint
gelöst zu sein. Ich konnte sogar behaupten, dass ich ein neuer Prophet
bin und würde mich nicht hinsetzen bevor ich die Herde der Menschheit
gerettet habe. Das wäre was. Das brauchte ich nicht zu klären oder
begründen und das ist was Gutes an jeder Religion. Es hilft immer, wenn
man überragende dumme Idee hat. Die Dummheit erleichtert die Seele.
*******
Ob ich von meinem grossartigen dummen Einfall Gebrauch gemacht habe weiss ich nicht. Und ich weiss auch nicht wie ich es fertig gebracht habe den sitzlosen Tag zu überleben.
Auf jeden Fall ist es mir gelungen, bis heute. Ja, es geht immer alles irgendwie.
Ich wundere mich masslos
über die Menschen, die nie sitzen können oder dürfen. Wie kann man
sitzen oder gar leben, wenn man ständig laufen muss um sein Brot zu
verdienen oder die Rechnungen auszugleichen, die nie aufhören das
Postfach zu verstopfen. In alten Zeiten dürfte man nicht in der Gegenwart
von Älteren, Oberen oder Königen sitzen. Es war undenkbar, unerlaubt
und sogar revolutionär. Man würde bestimmt bestraft. Kein König würde
es dulden und der König hatte immer Recht. Was für ein Unsinn. Ich
hasse alle Könige und alle Rechnungen. Ich liebe meinen Stuhl!!
*******
*******
Heute,
der zweite Juni um Ca. 7 Uhr morgens habe ich mich bei meinem Hausarzt
gemeldet. Zum Glück sind wenige Patienten in der Praxis und ich kann
sofort dahin.
*******
Die Praxis liegt auf der Flemming Str. in Parkfeld, in Stadteil Biebrich, ganz in der Nähe meiner Wohnung. Der Arzt untersucht mich und sagt es sei ein Abszess, ein Infektionkiste und soll von einem Chirurg behandelt werden. Er kann selber das nicht tun. Er schreibt mir einen Überweisungsschein und schickt mich zu einer Chirurgischen Praxis in der Galatea Anlage, mit der Bemerkung, dass es sich um einen Notfall handelt und soll sofort untersucht werden.
Um
8 Uhr bin ich in der Chirurgischen Praxis. Die Praxis befinden sich im
ersten Stockwerk der Anlage. Die Praxis sieht wie ein Flüchtlingslager
aus. Es herrscht ein wildes Getümmel, ein riesiges Gedränge. Das
Wartezimmer ist überfüllt. Nicht nur alle Stühle sind besetzt, auch in
Zwischenräumen stehen Patienten. Der Flur und der Raum vor der Anmeldungstheke sind genauso voll. Ausserhalb der Praxis warten auch einige Patienten.
Zwei Ärzte und vier Schwestern arbeiten im Schnelltempo. Alle sind in Bewegung. Die Ärzte kommen aus einem Operationszimmer raus legen die Akten in einen kleinen, flachen Kasten, neben der Zimmertur,
erteilen Befehle an die Schwestern, gehen zur anderen Tür, nehmen die
neuen Akten aus dem Kasten und gehen ins Zimmer rein, dabei werfen sie ihren
Blick auf die Getümmel und freuen sich auf so viele Patienten. Die
Schwestern kommen nur Schwester mit soviel Arbeit zurecht. Zwei von
ihnen bewegen sich ständig zwischen den Operation Räumen und der Theke,
nehmen die Akten ab und versorgen die Kasten mit neuen.
Sie müssen auch den Ärzten bei Behandlungen zur Hilfe kommen.
„ ... wo bleiben die Laborwerte ...“ , ruft der eine Arzt. „ ... sofort Herr Doktor ... “
erwidert
eine Schwester. „ ... Die neue Röntgenaufnahme ...“ verlangt er
weiter. „ ... im Zimmer 2 brauche ich Hilfe ...“ ruft der andere Arzt.
„
... klein Moment Herr Doktor ..., keine ist momentan frei ...“. antwortet die
Schwester am der Theke, dabei fällt ihr eine Akte aus der Hand. „ ...
ich brauche aber jetzt Hilfe, was macht ihr vier?“
Die Schwester an der Theke hat die Hände, den Kopf, die Schulter und den Mund voll.
Es ist bewundernswert, mit welcher Geschicklichkeit, sie ihre vielfältige Arbeit bewältigt.
Ihre
linke Hand sucht oben in einem Kasten nach Akten. Die rechte Hand
ordnet die Akten am Tisch und schreibt Anmerkungen auf ihre Umschläge
oder füllt Formularen aus. Auf der linken Schulter hält die Schwester
mit ihrem nach links gebogenen Kopf den Hörer und gleichzeitig führt
sie die Telefongespräche. Ihre Hände fungieren automatisch. Sie braucht
nicht anzusehen ob die Hände die richtigen Akten bearbeiten. Ihre Hände
sind selbständig. Es wird hier nach Akkord- Prinzip gearbeitet. Die
Belegschaft scheint mit der Arbeit überfordert zu sein. Der eine Arzt
bleibt jedoch ganz ruhig, macht sich lustig und lebendig: „ ... ich
brauche Arbeit Schwester ...“
„ ... bald ist Mittag und ich habe noch nicht hundert Stücke geschafft ...“ ,
„ ... was für ein ruhiger, gemütlicher Montag ...“
Man
sieht, dass er seine Arbeit geniesst. Entspannt und gelassen macht er
weiter und motiviert auch die anderen. So wie er arbeitet, könnte man
sagen, er ist geboren um Arzt zu werden, für ihn gibt es keine andere
Alternative. Und ich denke bei mir, jede Beschäftigung adelt den
Menschen, wenn er sie leidenschaftlich betreibt. Er muss aus Süden
kommen, vielleicht aus Italien, soviel Temperament findet man kaum
woanders. Er muss ein Südländer sein. Später erfahre ich, dass er aus
Rumänien kommt.
Endlich bin ich an der Reihe mich anzumelden. Ich
erkläre schlicht und einfach was mit mir los ist und betone, dass es
ein Notfall ist.
„ ... Bitte tragen sie ihren Namen hier ein ...“ ,
sie gibt mir eine Auflistung von ca. 30 Eintragungen und fügt hinzu: „
... alle diese sind Notfälle, sie mussen Geduld haben. Alle Termin sind
heute voll. Nach dem Patienten, die einen Termine haben, wird die Liste
aufgerufen ... “, „ ... ein paar Stehplätzen im Wartezimmer sind frei
... “, ruft eine Arzthelferin und bittet die ausserhalb der Praxis
stehenden Patienten rein zu kommen. Eine junge Dame mit einem kleinen
Kind im Arm kommt aus dem Wartezimmer raus, wütend und aufgebracht: „
... Ich warte seit zwei Stunden und ich habe einen festen Termin ... “,
„ ... es ist eine Frechheit, ich habe auch anders zu tun als hier zu
warten ...“.
„ ... In Zukunft sollen sie noch länger warten meine
Liebe, wir haben die Öffentlichkeit schon gewarnt aber keine hat es
ernst genommen. Sie sollen sich bei Frau Gesundheitsministerin beschweren ... “. Sagt der Arzt im Vorbeigehen und verschwindet hinter einer Tür.
-
„ ... man kann nicht wissen wie lange es bei der einzelnen Patienten
dauert und wir haben auch viele Notfallpatienten ..., sie sollen Geduld
haben ..., tut mir Leid ...“, versucht die Schwester an der Anmeldung
sie zu besänftigen. Nach zwei Stunden im Flur komme ich ins Wartezimmer
und bleibe auch hier zwei Stunden stehen. Zum Glück gibt es einige
Patienten, die ebenso nicht sitzen können, so falle ich nicht auf. Ich
nehme ein paar Zeitschriften in die Hand und blättere in ihnen. Jede Menge
Zeitschriften voller nützlichen Raten und Werbungen für Frauen: ... wie
man Gewicht abnehmen kann ohne zu hungern, ... wie man für immer jung
bleiben kann, ...wie soll man die Falten bekämpfen, ... welche neue Beuty
- Produkte auf dem Markt sind, ... welche Farbe im Trend ist, ...
ausführlicher Bericht über den letzten Ball der Prominenten und ihre Glamour
, ... ein paar Tipps für Abendkleider und welche Farbe und welche
Frisur zu welcher Tageszeit passt, ... wie kann man seinen Hund
verwöhnen und wie sollen die Mahlzeiten der Katze gestaltet sein. Und
unzählige Kauf befehle: „ ...Denk an dich ...“
„ ... Du bist es wert ...“, „ ... ich fühle mich wohl mit ...“
******
- „ ... Der Herr mit der Wunde auf dem Po bitte! ...“
höre ich eine Schwester laut rufen und beinahe fällt mir die
Zeitschrift aus der Hand. Ich komme schnell wieder zu mir und
beschäftige mich weiter mit den Zeitschriften. Alle Anwesenden schauen
einander an und lächeln. Keine vermag angesprochen zu sein und ich
überhaupt nicht. Eine jämmerliche Lage. „ ... wer hatte Po schmerzen?
...“,
da keine sich meldet ruft sie den nächsten Namen und ich fühle
mich erleichtert. Ich bleibe noch einige Minuten da und nach dem der
Vorfall vergessen ist gehe ich langsam aus dem Wartezimmer raus und
melde mich: „ ... haben Sie mich gerufen? Ich habe nicht bemerkt ...“.
Die Schwester nimmt die Liste in der Hand. Ihr ist schwer meine Namen
auszusprechen. Ich sehe, dass sie den Bleistift bei meinem Namen
gehalten hat. „ ... ja, das bin ich ...“ sage ich schnell bevor sie
weiter Theater macht.
- „ ... ins Zimmer zwei bitte, der Arzt kommt
gleich ...“ . ich gehe sofort rein, hinter mir erscheint der Arzt. Er
ist mein Lieblingsarzt.
- „ ... Bitte auf dem Bauch und Hose runter ...“, dabei zieht er seiner Handschuhe an.
Ich lege mich hin und mache ein kleines Stück vom Po frei. Er kommt zu mir, macht das Licht über das Behandlungsbett
an und zieht meine Hose ganz runter. Jetzt glänzt mein ganzer Po im
starkem Licht. Er untersucht die Problemzone, druckt leicht auf die
Wunde und merkt, dass es mir wehtut. „ ... Es ist ein Abszess ...“, sagt
er.
„ ... Es muss aufgeschnitten werden ...“, er studiert weiter meinen Po.
„ ... Ich muss tief rein um die Ursache entfernen zu können
...“. er singt ein fröhliches Lied und holt sich seine Werkzeuge. „ ...
Es tut aber nicht Weh, du bekommst Betäubungsmittel ...“
Ich frage ihn woher ich diesen Abszess bekommen habe und was die Ursache ist.
„
... du muss es dir so vorstellen: als lieber Gott dich geschöpft hat,
warst du eine einzige Zelle, wie ein Ball, ein leerer Ball. Dieser Ball
wurde im Laufe der Evolution abgeplattet , dann ist er gefaltet worden,
dann warst du wieder ein leerer Ball. Dann wieder gefaltet und so
weiter. Dabei wurden in den Zwischenräumen Fremdkörper gefangen
geblieben, zum Beispiel ein Stück Haar. Diese Fremdkörper verursachen
dann solche Wunden. Alles klar? ...“
„ ... Nein! Nichts ist klar.
Warum hat lieber Gott mich so komisch geschöpft? Was habe ich vom
leeren Ball? Ich wäre lieber eine Flasche leer! ...“
In diesem Moment bekomme ich zwei Spritzen und vergesse was ich sagen wollte.
„ ...Ja, junger Mann, es ist unangenehm. Aber es gibt schlimmeres auf der Welt. Glaub mir ...“
Ich habe keine andere Wahl als an ihn zu glauben.
„ ... Ziehen Sie ganz kräftig die zwei Teile auseinander, ich muss tief runter ...“, befiehlt er seine Assistentin. Ich fühle, dass vier Hände an meinen Po arbeiten und versuche an was schönes zu denken.
„ ... Die Arbeit eines Arztes ist nichts anders als die einer Hausfrau, meine Lieb ...“, erzählte der Arzt seiner Assistentin. „ ... Unsere Werkzeuge sind genauso wie die einer Küche. Man muss mit Messer, Schere, Spiess, Dosenöffner, Nadel und Ähnliches umgehen können ... Schneiden, Nähen, Aufräumen, Wegwischen und Po waschen gehören genauso zu unseren Aufgaben ... Nur wir Ärzte verdienen bisschen mehr als die Hausfrauen ...“.
Die Assistentin amüsiert sich an das Gespräch und vergisst nicht immer kräftiger an meinem Po zu drücken.
„ ... Siehst du, hier sie die richtige Stelle. Bis dahin muss der Nadel rein und von hier kommt er wieder raus, dann ist der Nat perfekt.“
„ ... Nun junger Mann, ist das Loch am Arsch wieder zu. Vorerst ist es fertig. Du muss morgen zur Kontrolle wieder kommen ...“, diesmal spricht er mich an.
„ ... du hast es sehr gut gemacht. Ich liebe es , wenn der Patient ruhig bleibt und unsere Arbeit nicht stört. Ich weiss nicht wer du bist und was du machst aber als Patient bist du wunderbar ... komm wieder zu uns, wenn du uns brauchst ... Es mir eine Vergnügung an deinen Arsch zu arbeiten ...“.
„ ... Es ist nicht zu glauben, dass so ein kleine Wunde eine so Größe Operation benötigt und so viel zeit kostet ...“, unterbreche ich ihn vorsichtig.
„ ... ha, ha, ..., das nennst du Operation? ... Es war keine Operation ... Es war ein Eingriff ...“ sagt der Arzt und wendet er sich an seiner Assistentin und fragt sie: „ ... Weisst du was ein Eingriff ist? ...Nein? ... Ich sage es dir ...
... Als ich nach Deutschland kam, damals, lange her, vor fünfzig Jahren, vielleicht noch länger, damals herrschten hier ganz andere Verhältnisse. Damals haben wir nur gebrauchte Kleidungen gekauft. Keine könnte es sich leisten neue Klamotten zu kaufen. Es war ein Luxus was Neues zu haben. Als ich zum ersten Mal arbeitete und Geld verdiente, entschied ich mich voller Stolz neue Unterhosen zu kaufen. Ich ging in ein Geschäft und wollte ein Paar neue Unterhosen. Darauf fragte mich der Verkäufer: „ ... mit Eingriff oder ohne? “
... Weisst du dieser Begriff kommt aus Militär und ist später auf männliche Unterhose übertragen ... Es bezeichnet eine strategische Stelle, die für jegliche Operation geeignet ist ... Jetzt weisst du was Eingriff heisst ...“
*******
Am Donnerstag 12 Juni bin ich wieder im Praxis und hoffentlich zum letzten Mal. Heute sollen die Faden raus gezogen werden. Es ist mein viertes Besuch in dieser Praxis und wünsche mir nichts anderes als, dass das Kapitel Po endlich abgeschlossen wird.
„ ... Bitte nehmen Sie ein kleines Moment Platz ...“, sagt mir das anmutige Mädchen an der Anmeldung. Inzwischen weiss ich was „ ein klein Moment „ in dieser Praxis heisst.
Bei den letzten Besuchen haben diese kleine Momente nicht weniger als drei Stunden gedauert. Die Leute hier gehen sehr grosszügig mit der Zeit um, natürlich mit der Zeit der Patienten. „ ... Soll ich vielleicht später kommen? Das Wartezimmer ist Voll. Es dauert bestimmt, bis ich daran bin ...“ frage ich sie.
„ ... Ja, Sie können in zwei Stunden wieder kommen, dann dauert es nicht mehr lange ...“
Nach zwei Stunden komme ich wieder in die Praxis. Ich höre sofort eine bekannte Stimme und weiss, dass ein Lieblingsarzt heute wieder da ist.
„ ... Ich brauche jemanden, der sich um mich kümmert ..., Warum kümmert sich niemand um mich? ..., ... meine liebe Schwestern, warum habt ihr mich verlassen? ...“
Diesmal warte ich weniger als zwei Stunden im Wartezimmer und werde dann in ein Operationzimmer geschickt. Der Arzt wird angeblich irgendwo gehindert und lässt mich warten. Zwei Schwestern kommen rein und wollen die Faden raus ziehen. Man weiss nicht wie lange es dauern würde bis der Arzt zu mir kommt.
Ich lege mich auf dem Bauch hin und mache den Po frei.
„ ... Die sehen gut aus ..., siehst du, diese alle hier müssen wir raus ziehen ...“, sagt eine der anderen und fangen zusammen an zu schneiden und ziehen.
„ ... Au, ... Au, ...“, schreie ich vom Schmerzen zum Himmel. „ ... Warten wir lieber bis der Arzt kommt, ich finde den Faden nicht ...“.
Die Schwestern unterbrechen ihre Arbeit und holen den Arzt ab.
„ ... Gib mir eine Schere und einen Klammer ... „, sagt der Arzt, während er die Stelle untersucht. „ ... was habt ihr gemacht meine lieben ...“, fragt er die Schwester.
„ ... Wir haben ein paar Faden raus gekriegt die anderen waren aber schwer ...“, antwortet leise eine der Mädchen.
„ ... Nein! ... ihr habt dem Man seine Haare raus gezogen! ...“ , schreit laut der Arzt und nun weiss ich warum es so sehr weh getan hat. Die Schwester wehrt sich aber: „ ... Was kann ich dafür, dass der Mann soviel Haare am Po hat?? „, und die andere fügt hinzu: „ ... Seine Haare sind so dick wie Faden, da kann man eine mit der anderen leicht verwechseln ...“.
„ ... Ihr arbeitet in einer Chirurgischen Praxis, nicht in einem Frisur-Salon! ...“
Beschwert sich der Arzt und beschäftigt sich weiter mit dem Naht.
„ ... Nun junger Mann, du hast eine Extraleistung von uns bekommen. Das Haar entfernen bezahlt die Versicherung nicht. Das soll man eigentlich selbst zahlen. Aber du brauchst es nicht zu zahlen nur, weil du ein braver Patient bist ... unsere Arbeit kommt hier zu Ende, ... ich wünsche dir und deinem Arsch Alles Gute ...“
***********
Ich verabschiede mich von dem Arzt und den Schwestern und verlasse die Praxis. Hinter mir höre ich den Arzt wieder laut:
„ ... Mein Gott warum hast du mir nur zwei Hände geschenkt ..., ich brauche immer vier, ... Schwester wo bleibst du ...“.
**********************
**********************
ENDE
Sonntag, 8. Juni 2008
Aus meinem Tagebuch
** 9. Mai **
Ich stehe wie der dumme August vor dem Fahrkartenautomat und will eine Fahrkarte nach Wiesbaden. Zweimal habe ich die Anweisungen am Automat gelesen und zweimal habe ich die falschen Nummer getippt. „ Bitte geben sie die richtigen Zielnummer an! „
Meldet der Automat wieder. Bin ich blöd?
Wahrscheinlich ja !
Ich bin am Südbahnhof in Frankfurt. Es ist Frühabend und ich will endlich nach Hause. Ein langer Tag war es. Ein langer Tag am „ Goethe Institut“ . Und ich habe die ganze Zeit nur geschrieben, ohne zu denken. Es war ein Wettmarathon. Eine sinnlose Schreiberei kommt es nur vor.
Heute bin ich eine Schreibmaschine gewesen. Ich habe aber nur das geschrieben, was die anderen von mir verlangt haben und nicht das, was ich selber will. Heute war ich eine vorgesteuerte Maschine. Ursula hatte mich vorprogrammiert.
„ .... Bitte geben sie die richtige Zielnummer .... “ meldet kaltblütig wieder der Automat. Ich bin kaputt, fix und fertig. Dieser langer Tag hat mich kaputt gemacht. Kein Wunder, dass ich jetzt durcheinander bin. Aber dieser Automat ist noch dummer als ich. Es sinnvoll, wenn Ursula einmal die ganze „ Deutsche Bahn “ neu programmieren würde.
Beim nächsten Versuch tippe ich die richtige Nummer für Wiesbaden. Es ist 65. Dann kommt die nächste Etappe. Bin ich Erwachsener oder Kind?
Zwar verhalte ich mich manchmal wie ein Kind, aber das ist hier nicht entscheidend. Und ich bin heute ein Schulkind gewesen. Ein Schulkind, das bis zum Schweißen geschrieben hat. Aber das zählt ebenso nicht. Ich bekomme keine Ermäßigung, muss also den vollen Preis zahlen. Jetzt stellt sich die nächste Frage. Einzelfahrt oder was anders .....
Ich hasse die Fragen. Ich bin heute unter einer Unmenge von Fragen zerquetscht worden.
Ich will keine Fragen mehr. Ich will ein Leben ohne Fragen. Ein fragenloses Dasein. Ich wünsche mir nur noch Antworten. Ein Leben voller Antworten. Und Antworten ohne Fragen. Und ich träume von einem Leben ohne Fahrten, ohne Wege, nur mit Ziel. Mit vielen Zielen. Auf einmal fällt mir ein, dass ich immer unterwegs gewesen bin ohne ein Ziel erreicht zu haben, ohne irgendwo zur Ruhe gekommen zu sein. Nur unterwegs, unablässig unterwegs, wie ein Ahasver, wie der „ Ewige Jude “ ... „ Correr es mi destino “ , würde Gloria sagen.
Der Spaß mit dem Automat ist immer noch nicht zu Ende. Sechs Euro und fünf und siebzig Cents verlangt er für die Fahrt nach Wiesbaden.
Nicht nur Menschen, sondern auch die Maschinen, die Metalle und die Steine pumpen uns aus. Alle wollen unser Geld. Und alle wollen immer mehr. In der Regel bekommt man Geld nur einmal in Monat aber jeder muss täglich hunderte Male zahlen. Mir wäre es lieber, wenn ich ständig was bekommen und einmal im Monat zahlen sollte.
Ich schaue nochmal den Preisanzeiger an. Er zeigt immer noch 6,75 € und ich ärgere mich. Ich komme auf die Idee diesmal schwarz zu fahren. Soll ich schwarz fahren und ein paar Euros sparen? Ich verzichte darauf. Nicht, weil ich ehrlich bin oder es unfair finde, sondern vor Angst. Angst von Ärger. Ich könnte dadurch mehr Ärger bekommen.
Für heute aber habe ich genug gehabt. Ich erspare mir lieber Ärger und bezahle diesem geldgierigen Automat den Fahrpreis. Also wird heute mit Schwarz fahren nichts. Aber wenn ich nicht Schwarz fahre, wie fahre ich dann? Fahre ich Weiß? Fahre ich bunt? Oder fahre ich antischwarz? Warum heißt es eigentlich Schwarz fahren? Wieso hat sich dieser Ausdruck durchgesetzt? Hat sich jemand dafür entschieden? Wer entscheidet über unsere Terminologie?
Muss unbedingt alles, was uns nicht gefällt schwarz sein? Alles, was unbeliebt, unfair, unangenehm oder Unsinn ist, muss schwarz heißen? Warum heißt es nicht, sagen wir mal, Weiß fahren oder Blond fahren oder gar Blöd fahren?
Blond fahren hört sich besser an. Das würde ich öfter tun. Heute wird jedoch antischwarz gefahren. Ich habe sowieso bezahlt.
Am Gleis vier steige ich ein. Es ist die S-Bahn Linie fünf Richtung Friedrichsdorf.
Es ist ziemlich leer. Es gibt jede Menge Platz und ich kann zwischen den vielen Sitzmöglichkeiten wählen. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass ich freie Wahl habe. Es ist ein gutes Zeichen. Es ist sehr erfreulich, wenn man viele Möglichkeiten hat, wenn man viel Platz hat. Man fühlt sich leichter und man wird ruhig. Da ich die Freiheit zur Wahl habe suche ich mir einen günstigen Platz am Fenster und mache es mir bequem.
Es ist Mai. Ich weiß nicht ob der 9. Tag des Monats zu seinem Anfang oder zu seiner Mitte gehört. Vielleicht zu beiden, vielleicht aber zu keinen. Auf jeden Fall es ist ein sonniger warmer Maitag. Da die Sonne direkt auf mich scheint, wechsele ich meinen Platz. Unter der Sonne wird mir unbehaglich. Mir wird zu warm. Die Sonne brauche ich nie mehr im Leben. Ich habe genug getankt.
An der Hauptwache muss ich umsteigen. Die S-Bahn Linie 8 fährt weiter nach Wiesbaden. Ich steige ein. Diesmal ist der Zug voll. Ich finde nur schwer einen freien Platz. Viele anderen müssen stehen bleiben. In jeder Station steigen mehr Leute ein als diejenigen, die aussteigen. Es wird wärmer und wärmer. Ich ziehe meine Jacke aus. Es hilft nicht viel. Am Flughafen steigen viele Gäste aus aber werden sofort durch neue Gesichter ersetzt. Der Zug bleibt voll und fährt weiter. Eine elegant gekleidete Blondine nimmt mir gegenüber Platz. Sie hat einen Hosenanzug an und schleppt einen Pilotkoffer mit sich. Ihr Anzug ist dunkelblau, fast schwarz. Um den Hals trägt sie ein gelbes Halstuch, das sorgfältig gewickelt und vorschriftsmäßig geknotet worden ist. Die Blonden Haare hat sie am Hinterkopf zusammen gebunden. Sofort holt sie einen kleinen Spiegel aus der Tasche raus. Macht die Harre zu recht, kontrolliert ihr Gesicht und ihren Sakko und macht sich frisch. Sie wirkt sich selbstbewusst, sicher, voller Energie und ignoriert alles um sich herum, als wäre sie allen anderen überlegen. Sie ist sicher, dass sie Aufmerksamkeit erregt hat und weiß genau, dass viele Blicke auf sie gerichtet worden sind.
Sie nimmt ein Taschenbuch in die Hand. Legt das rechte Bein auf das Linke. Dabei bewegt sich ihr kleiner Köpf nach hinten und ihre mächtige Hüften nach vorne in meine Richtung. Einen kurzen Augenblick treffen sich unsere Blicke. Sie zieht sich etwa zurück und ich sehe sofort in eine andere Richtung weg. Ihr Augen sind grün, wie die einer Katze, scharf und giftig. Ich will ihre Augen genauer anschauen, wage es aber nicht, vielleicht später. Sie vertieft sich in ihr Buch und ich vergesse sie eine Weile.
Ich werde wieder auf sie aufmerksam, als sie sich ein Paar Mal bewegt und tief atmet.
Man merkt, dass es ihr zu warm ist. Sie nimmt wieder eine stabile Sitzpositionen, fünf und vierzig Grad, Richtung Nordosten. Diesmal macht sich die andere Hälfte ihrer Hüfte bemerkbar. Sie öffnet den obersten Knopf an ihrem Hemd und ich warte auf den zweiten. Ich finde die Temperatur in der S- Bahn warm genug. Man könnte eigentlich mehrere Knöpfe öffnen. Sie öffnet den zweiten und ich warte auf den dritten.
Das passierte aber nicht. Sie merkt, dass ich sie beobachte. Sie schneidet Grimasse und ohne was zu sagen schimpft sie mich lautlos nur mit ihren giftigen Augen. „ Du mich auch “ erwidere ich in meinen Gedanken. Ich würde ihr was sagen aber ich halte mich zurück. Sie könnte mir eine Ohrfeige verpassen, denke ich bei mir. Der Abstand zwischen uns ist gering, nur ein Katzensprung.
Sie zieht den Sakko aus, dabei sieht sie, dass ein Knopf locker ist. Sie verliert keine Zeit. In der Tasche hat sie eine ganz kleine, flache Packung, nicht großer als ein Quadrat von 5- Zentimeter Länge. Vier oder fünf Nadeln in verschiedenen Größen und Fäden in unterschiedlichen Farben sind die Bestandteile dieser Packung. Es ist erstaunlich, was sich alles in einer kleinen Kulturtasche einer Dame befindet, sehr praktisch und nützlich. Eine Blondine ist für jede böse Überraschung vorbereitet. Sie sucht die richtige Nadel und wählt einen passenden Faden. Der Faden lässt sich nicht leicht ins Loch stecken.
Die ersten zwei oder drei Versuche scheitern schnell, da der Zug sich unstetig nach vorne bewegt. Sie beißt kräftig an Faden und überprüft noch einmal das Loch an der Nadel, konzentriert sich, holt tief Luft, macht die Augen weit auf, nimmt sich Zeit und versucht nochmal das Loch zu erobern.
Der Faden stößt gegen den Lochrand und verfehlt das Ziel. Das Loch ist einfach zu klein. Kleine Löcher sind nicht immer vorteilhaft. Vielleicht ist der Faden zu dick, oder die Konstellation ist ungünstig. Dem Anschein nach sind diese Instrumente für eine Näharbeit im Zug nicht geeignet. Aber eine emanzipierte, moderne Dame gibt nicht einfach auf. Sie weiß sich zu helfen. Sie beugt sich nach vorne in Sonnenlicht, positioniert den Faden und den Nadeln und wartet auf einen günstigen Augenblick. Der Augenblick kommt und die Blondine verletzt sich. Die Nadelspitze trifft ihren Finger. Es ist der wichtigste Finger. Der grösste, der in der Mitte sitzt.
Ein Tröpfchen Blut kommt raus. Sie bekommt Angst. Schnell steckte sie den blutenden Finger in den Mund und saugt auf. Der Finger bleibt vorerst da, bis sie wieder zu sich kommt. Sie holt den Finger raus und betrachtet ihn von allen Seiten. Er ist sauber. Das Blut hat ihr gut getan. Beim nächsten Versuch besiegt sie das Loch und führt den Faden erfolgreich hinein.
Jetzt fängt sie mit der Näharbeit an. Zuerst fixiert sie den Knopf richtig am Platz, mit kleinen Drehung nach links, nach rechts und in allen Himmelrichtungen und näht. Sie zieht den Faden kräftig hin und her und probiert jedes mal die Festigkeit und die Position des Knopfes. Mit Pedanterie und Spinneneifer macht sie weiter.
Es gibt nichts wichtigeres auf der Welt als ein kleiner, runder und schwarzer Knopf auf dem Sakko einer Blondine, die in einer S -Bahnzug von Frankfurt nach Wiesbaden fährt. Und es gibt keine größere Herausforderung auf der Welt, als diesen Knopf in einem auf dem Schienen polternden Zug, vorschriftsmäßig zu nähen. Die Formanzuge sind ein wesentlicher Teil des Arbeitsdisziplins und wer sich für Disziplin einsetzt weiß genau, dass jeder Knopf fest und sicher sein muss.
Ein Knopf muss gegen alle Belastungen widerstandsfähig und beständig sein. Der Knopf am Sakko ist schon gegen jede Spannung befestigt. Trotzdem fährt die Blondine ein paar Mal durch die Löcher des Knopfes und erhöht so den Sicherheitsfaktor . Jetzt ist der Knopf nicht nur gegen Druck und Tension ,sondern auch gegen Biegung und Torsion und überhaupt gegen alle Belastungsformen stark und stabil.
Sie verdient einen Applaus, der nicht kommt, denn die Welt ist nicht immer gerecht. In diesem Moment erreicht unser Zug den Hauptbahnhof Mainz.
Die Mehrheit der Passagiere steigen aus. Nur wenige bleiben im Zug, die Blondine bleibt auch sitzen. Sie ist also eine Wiesbadenerin. Anders konnte es nicht sein. Es ist unverkennbar woher sie kommt. Man kann ihren Herkunft in ihren Augen, in ihren schiefen Blicken ablesen.
Ihre Selbstbewusstsein, ihre Ausstrahlung, ihre Überlegenheit, ihre süße, nach oben gerichtete Nase, vor allem aber ihre Entfremdung und insbesondere die festen und professionell eingesetzten Knöpfe an ihrem Sakko rufen laut: „ ich bin eine Wiesbadenerin “.
„ Nächste Halt. Wiesbaden Hauptbahnhof. Endstation. Bitte alle aussteigen “, hört man den Lautsprecher mitteilen. Alle machen sich bereit auszusteigen. Als die Blondine aufsteht, fällt ein Knopf von ihrem Sakko auf dem Boden. Sie hebt ihn auf und lächelt lustig aber mit viel Selbstbeherrschung. Es ist nicht so schlimm. Sie hat nur den falschen Knopf genäht!!
**************************
**************************
ENDE
Montag, 12. Mai 2008
****** 1001 Nacht *******
Von aussen sieht man nicht vieles. Ein kleines Schild weist darauf hin, dass es hier ein persisches Restaurant gibt. Auf dem Schild steht: ‚1001 Nacht: persische Spezialitäten. ‚
Aus der Fussgängerzone fährt ein schmaler Weg in eine Sackgasse hinein, an derer Ende sich das Restaurant befindet. Die Gruppe hatte sich entschieden den Abschied mit einem persischen Abendessen zu feiern. Von daher hatte ich einen Tisch für die Gruppe reserviert.
Als ich ankam waren meine Freunde noch nicht da. Der charmante Mann, dem ich schon Mal bei der Reservierung begegnet war., stand hinter der Theke. Mit einer warmen, herzlichen Begrüssung kam er mir entgegen, als hätte er schon lange auf mich gewartet. Ein Gefühl der Geborgenheit floß in meinen Körper und füllte mich voller Freude. Ein Gentelmann, nett, zugänglich und verträglich. Es dünkte mich, dass ich nach langer Abwesenheit wieder zu Hause war. Ich gehe selten persisch essen. Ich weiß nicht warum. Vielleicht habe ich den Geschmack verloren. Ich wurde mit einer Tasse Tee bedient. Kurz darauf kamen die anderen Gäste.
Die Zusammensetzung der Gruppe war beträchtlich. Zehn Personen aus verschiedenen Ländern, gar verschiedenen Kontinenten. Eine glückliche Versammlung der Menschen. Ein Freundschaftfest in der Atmosphäre der 1001 Nacht. Die deutsche Sprache und Literatur machte es möglich. Sie sind die Repräsentanten aus Brasilien, Kolumbien, Venezuela + Frankreich, Rumänien, Deutschland, ...... meistens Frauen, weltoffen und sympathisch. Daran können sich unsere Politiker ein Beispiel nehmen. Bei der letzten Wahl in Hessen haben sich die Herrschaften wie kleine Kinder gestritten und von vornherein jede Zusammenarbeit ausgeschlossen. Jeder von ihnen will den ganzen Kuchen für sich allein haben. Sie können nicht einmal ihre Mitarbeit und ihre Landsleute dulden. Während diese Frauen aus dem anderen Ufer der Ozean eine wie mich tolerieren.
Das Essen war super. Persische Küche presändierte sich wie immer tadellos. Alle waren begeistert und beeindruckt und schenkten ihm viel Lob. Alexandra formulierte es am schönsten: ‚ man merkt, dass der Koch oder die Köchin viel Liebe darin gesteckt hat. ‚
Eine der Gäste hatte eine schöne Blumenstrauss mitgebracht. Eine Projektion ihrer Geistesschönheit. Mir schient, dass die welt mehr zärtliche Frauen braucht als härte Männer. Ich überlege mir, dass die wichtigen Aufgaben den Frauen überlassen werden sollen. Ich kann mir eine weltrepublik unter der Führung der Frauen vorstellen. In dieser Republik könnte ‚ Cintia ‚ die Weltchefin sein, Alexandra die Ministerpräsidentin, Keila, Timea, Ana und Fabienne könnten die anderen wichtigen Positionen besetzen.
Und Marcelo??
Nein! in der Weltrepublik haben Männer nichts zu suchen. Die Männer kommen nicht in Frage. Die Männer haben immer nur Unheil gebracht. Die Männer haben viel Bösen heraufbeschwören. Deshalb sieht unsere Welt so miserabel aus. Deshalb ist die Welt so ungerecht und grauenhaft. Deshalb haben viele Menschen in vielen Ländern der Welt nichts zum Essen. In Haitti essen die Menschen statt Brot nur noch Lehm. Die Männer sollen sich schämen.
Und ich??
Ich bin das schlimmste. Ich bin Katastrophe. Ich darf mich nicht einmischen. Es wäre fatal. Bei mir stimmt nichts, gar nichts. Bei mir ist alles falsch. Ich bin überhaupt falsch geboren., zur falschen Zeit und am falschen Ort. Ich habe immer falsch gehandelt und ich habe nur falsche Einstellung und habe falsche Beruf gewählt. Also bin ich durchgefallen.
Und Ursula??? Was wird mit Ihr?
In der Frauenrepublik braucht Ursula gar nicht zu tun. Sie darf nur das Leben genießen und sich verwöhnen lassen. Sie muss nur aufpassen, dass die Südamerikanerinnen den Dativ und Akkusativ nicht verwechseln und die Artikel richtig einsetzen, denn in der neuen Republik sollen die Frauen ihre Sprache gut beherrschen. Eine Frauenrepublik ist keine Bundesrepublik!!
Eine Kleinigkeit habe ich vergessen. Mit dieser Damenweltrepublik und der Führung der Frauen bin ich nur dann einverstanden, wenn ihre Männer es bestätigen.
**************************
Donnerstag, 8. November 2007
-……Lautman …Ja gruß dich. Ich sitze gerade in Taxi fahre zum Bahnhof.
...... Ich bin heute Abend ca.20 Uhr zu Hause. In zwanzig Minute fährt der Zug ab .... Ja ich bin noch in Wiesbaden. Die Sitzung hat lange gedauert..... nur blaa, blaa, blaa.
Wie immer .... Ich habe einen guten Angebot bekommen in Wiesbaden ... eine höhere Stelle ... aber ich war mir nicht sicher .... Ich habe jetzt Zeit zwei Tage mir zu überlegen und dann Bescheid sagen ...... Ich weiss nicht.
.... Ich fühle mich in Köln wohl .... ich kenne fast jeden und die Leute sind locker ... Ja mit Gehaltserhöhung. Die Stelle ist eine stufe höher aber mit viel Stress und viel Verantwortung. Die Atmosphäre in Wiesbaden hat mir bisschen Angst gemacht. Die Herrschaften sind schwierig. Ich habe mich noch nicht entschieden ... Ich glaube nicht, dass ich Köln wegen ein paar Euro mehr verlassen würde....... Na ..... Wie geht es euch .... Was neues .... Was? ....Wer? .....Echt? bist du sicher? ... Na toll .... Wann hast du es erfahren ... heute? Es ist prima .... Super .... Schön .... freue mich .... was hat der Michael gesagt? .... Was ... der weiss noch nicht ... warum hast du ihm nicht gesagt? ... Traust du dich nicht? Ach Blödsinn ... er freut sich bestimmt ... natürlich freut er sich. Mach dir keine Gedanken ... Warum soll ich Klappe halten.
Weiche Monat bist du jetzt? .....schon zweite Monat ...wieso hast du es nicht bemerkt ... du hast es aber geahnt .. du fürchtest dich ... Was redest du denn da ... sag mal bist du klar im Köpf ... rede kein Quatsch mehr. Wir sollen es feiern. Nimmt euch heute Abend nichts vor. Ich melde mich so bald ich in Köln bin. Wir sollen drauf anstossen. Ich stelle mir vor dich und Michael auf der Strasse Kinderwagen schiebe sehen. Es ist sehr unglaublich.
Warum sollte er sich ärgern ... kann ich nicht glauben. Hat er selber gesagt ... Lustig. Ich möchte auch gerne bisschen mit schieben .... Nein, mah bitte keine Dummheit ... Nein ... Verspreche es mir ... gut .. gut ... und ich verspreche dir die Klappe zu halten ... Wir werde eine Lösung finden ... Was weiss ich lass dir was einfallen.
Weiss ich nicht .. ich muss noch denken .... Warte mal ich hole mir Rat von dem Fahrer ... vielleicht kann er uns helfen ...bleib daran.
..... ( zu mir ) Herr Fahrer wie haben Sie reagiert als Sie erfahren haben, dass ihre Frau schwanger war? .... Haben Sie sich gefreut?
- Nein ich war wütend, habe mich geärgert.
- - Warum denn?
- Wir hatten andere Vereinbarung .. Hatten anders geplant ... und ....
- Es reicht .. Es reicht .... Ich will nicht mehr wissen. Bitte fahren Sie weiter .... ( und wieder zum Handy)
---Petra bist du noch da ... Ja ... vergiss es ... Der ist genauso ein Dummkopf wie dein Michael ... Ja ... Ja .... Ich melde mich- bis dann !!
Samstag, 20. Oktober 2007
Deutschland ein Wintermärchen
“ Denke ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf geracht ;
ich kann die Augen nicht mehr schließen und meine heiße Tränen fließen“. Das habe ich nicht gesagt. Das hat Heinrich Heine vor circa zweihundert Jahren geschrieben. Lange vor meiner Geburt, sehr lange her.
Ich denke auch manchmal an Deutschland. Ich will niemals glauben, dass Deutschland ein Land ist aus dem man flüchtet. Das behaupten viele. Und viele andere haben es früher behauptet. Ich will es nicht glauben. Ich bin seit langer hier. Lang genug um mich zu Hause zu fühlen. Aber bin ich hier richtig zu Hause? Bin ich aufgenommen? Wieder will ich es nicht glauben. Es stört mich aber nicht. Ich bin nirgendwo zu Hause. Ich brauche kein zu Hause. Ich war niemals zu Hause. Wozu braucht Mensch eigentlich ein zu Hause. Ein Himmel über Kopf. Ein Stück Brot und bisschen Luft, mehr brauche ich nicht. Ist zu Hause dort wo man geliebt wird. Wo man lieben kann? Liebe ich eigentlich dieses Land? Wird es eines Tages mich lieben? Ich weiß nicht warum ich mich solche Fragen stelle? Es ist alles Quatsch. Alles Blödsinn. Wozu btauche ich Liebe. Ich mache mir keine Illusion. Ich kann auch ohne Liebe leben. Ich habe schon längst gelernt ohne Liebe zu leben.
Ich denke auch manchmal an Deutschlan. Manchmal , wenn ich den knopf am Radio drehe und der Ansager mich anlädt das Wichtige zu wissen. Es ist Volle Stunde ,Nachrichtenzeit“. Ich stelle meine Uhr ein. Sie zeigt niemals die genaue Uhrzeit. Sie hat ihre eigene Zeit. Sie befindet sich aber im falschen Raum. Vielleicht ihr fehlt noch eine weitere Dimension um richtig zu sein.
Das Radio läuft weiter und die Wichtigen werden mitgeteilt. Die sind aber nicht wichtig. Besser gesagt ich habe Nase voll von alles, was wichtig ist. Irgend ein Skandal ist enthüllt worden. Irgend ein Politiker hat seine Macht und seine Position missbraucht. Irgend eine Firma soll seine Belegschaft entlassen. Die andere muß kräftig abbauen. Irgendetwas wird teurer werden. Irgendwo auf der Welt, es interessiert mich nicht wo, ist ein Soldat umgebraucht worden, Ein fremder Opfer in einem fremden Land. Ein trauriges Ende eines Lebens. Das Leben eines Soldates, der wahrscheinlich selber nicht weiß, was er in einem fremden Land zu suchen hat. Ein dunkelhaariger Mitbürger ist am Tageslicht auf offenen Strasse zusammengeschlagen worden. Von einer Gruppe aufgebrachte doppel deutsche Jugendlichen Das alles und Ähnliches sind die Wichtigen, die der Ansager versprochen hat. Ich hasse die wichtige Meldungen..
Wieder will ich es nicht glauben. Ich will nicht glauben, dass ich noch mal flüchten soll. Dafür habe ich keinen Lust und keine Zeit mehr. Ich bleibe hier und versuche meine Ängste weg zu treiben. Die wichtigen lasse ich zur Seite und suche trost in Unwichtigen. In vielen hellen erfröhlichen Punkten, die scheinbar unwichtig sind aber mich kräftig anziehen. Ich versuche diese helle Punkte unter Luppe zu bringen. Ist es ein Selbstbetrug?? Eine Hallunization? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.
Mittwoch, 15. August 2007
Hockenberger Mühle !! Hockenberger Mühle !! nicht schon wieder. Gott sei mit mir! Immer wenn ich in Bierstadt bin, soll ich jemanden von dieser verdammten Mühle abholen.
Bierstadt ist eigentlich nicht mein Revier. Ich habe hier nur Pech. Besonders in Kloppeheim und vor allen bei dieser Mühle. Voriges Mal war eine Verarschung. Ich habe da länger wie halbe Stunde gewartet. Keine kam und man wusste nicht wer Taxi bestellt hat. Nach mehr als halber Stunde bin ich leer zurückgefahren, voller Ärger und Wut. Wenn es stimmt, dass Zeit Geld ist, dann könnte ich mit all meiner hier verlorenen Zeit das Ort Kappenheim zusammen mit Bierstadt sogar die ganze Stadt Wiesbaden kaufen. Ein anderes Mal als ich dahin angekommen bin, habe ich daraußen bei der Mühle ein junges paar gesehen. Sie diskutierten noch heftig miteinander. Sie hatten sich nicht entschieden, ob sie da bleiben oder lieber nach Hause fahren sollen. Ich habe so viel mitbekommen, dass der Mann voll und müde war und wollte schnell nach Hause. Die Dame aber wollte noch bleiben, da sie gerade eine alte Freudin getroffen hatte. Nach länger Diskussion und viel Politik und eine Menge weibliche Kunstgriffe hat die junge Dame gewonnen. Und hat ihn überzeugt noch zu bleiben. Daraufhin ist sie zu mir gekommen, anmutig und liebreizend. Hat sich entschuldigt, mir ein Küsschen auf die Wange gegeben und adieu. Ich war sprachlos. Was war das? Nur ein Küsschen! Das hilft mir aber nicht. Was habe ich davon? Ein winziges Küsschen. Mehr war nicht darin. Aber ehrlich gesagt heut zutage soll man sich mit einem blosen Küsschen zufrieden geben. Besonderes wenn ich mich daran erinnere, dass einmal zwei Jungen hier bei der Mühle eingestiegen und irgendwo in der Stadt ausgestiegen und blitzschnell in zwei verschiedenen Richtungen geflohen sind.
Ich habe hier viel erlebt und kann natürlich noch vieles erzählen aber jetzt erstmal zurück zum Gegenwart. Man muss cool bleiben und optimistisch sein.
Zwei Männer und zwei Frauen sind meine Gäste. Jung, heiter, freundlich und fröhlich. Die Damen steigen hinten ein. Der eine Herr überlegt sich noch ab er vorne sitzt oder hinten neben den Damen. „ Wenn ich du wäre, würde ich bei Damen einsteigen“. Das sage ich aber nicht nur behalte ich es in meinen Gedanken. Der andere Herr lässt sich Zeit geht gelassen zu seinem in der Nähe geparkten Auto. Bleibt eine Weile da und lässt uns warten ...
Endlich ist die Crew komplett und wir können los fahren.
- Bitte nach Bierstadt ...... in Reifeisen Strasse .......
- Langsam bitte nicht so schnell. Ich muss mir zurerst überlegen.
- Keine Sorge!! Fahren Sie Richtung Bierstadt. Ich zeige Ihnen.
- Gerade das ist das Problem. Ich muss zuerst überlegen wo Bierstadt ist.
- Wissen Sie nicht wo es ist?!?
- Nein. Woher soll ich wissen? Das sollen sie selber wissen. Sie wollen dahin nicht ich. Sie haben nur einen Wagen bestellt nicht mehr.
- Wir wollen aber gerne einen Fahrer mit Ortskenntnisse!
- Das haben sie aber nicht bestellt. Natürlich gibt es so was.Es kostet aber mehr. Jede Leistung muss extra bezahlt werden. Sie können sogar sauberes Auto oder sauberen Fahrer bestellen. Dann sollen Sie aber tiefer in de Tasche greifen. Man kann bei uns sogar hübschen Fahrer, frisch rasierten Fahrer oder frischgeduschten Fahrer bestellen. Die habe Allerdings andere Tarife. Wenn Sie nur ein einfaches Taxi bestellen ohne extra Wünsche, dann komme ich und Sie fahren günstig und lustig. Alles klar?
- Haben Sie überhaupt den Beförderungschein?
- Das brauche ich nicht.
- Und was tun Sie wenn einmal kontrolliert wird?
- Die Lösung habe ich in meiner Tasche. Seien Sie unbesorgt.
- Passen Sie auf! Sie müssen hier rechts abbiegen.
- Nein! hier müssen wir links! So fahren ich immer.
- Es ist absolute Blödsinn. Ich habe gesagt rechts. Verstehen Sie mich nicht oder was?
- Nein. Ich verstehe Sie nicht.
- Dann müssen Sie bisschen Deutsch lernen.
- Brauche ich nicht.
- Wieso?! Sie wohnen doch hier! Sie arbeiten hier! Oder nicht?
- Mag sein, dass ich hier wohne und arbeite. Aber die Sprache brauche ich gar nicht. Wenn Sie mir nicht glauben, gehen Sie einmal zum Bahnhof und überzeugen Sie sich. Da wird alle mögliche Sprachen gesprochen, afrikanisch, arabisch, chinesisch, russisch und vieles mehr nur nicht Deutsch. Wenn Sie am Bahnhof sind, verlieren Sie die Orientierung und Sie vergessen im welchen Land sie sich befinden. Schon was von Multi Kulti gehört? Da herrscht Multi Kulti. Da am Bahnhof hat die Bundes Regierung nicht zu sagen. Dort regiert die Internationale Mafiosi. Und vielleicht, vielleicht in Zusammenarbeit mit der Bundes Regierung. Jedenfalls behaupten es viele. Aber ich glaube es nicht . Ich finde diese Behauptung als Propaganda und Erfindung der Opposition gegen die Herrschaften. Ich glaube die Herrschaften sind alle sauber. Sie haben kein andere Sorge als das Volk und das Land zu dienen. Die Geschichten mit den Schmiergeldern und Schwarzen Kontos sind nur Märchen und Lüge. Die Herrschaften nehmen kein Schmiergeld an. Und wenn überhaupt dann bestimmt für gute Zwecke. Die sind sauber. Genau so sauber wie die Radfahrers vom Team Telekom.
- Ich denke es ist besser, wenn Sie sich auf die Fahrt konzentrieren. Da vorne sollen Sie links abbiegen. Die Beleuchtung ist nicht so gut aber die Jenigen, die öfter nachts Autofahren wissen es schon.
- Ich fahre nur Tags.
- Dann haben Sie ihren Feierabend verpasst. Es ist bisschen zu spät. Schon Mitternacht.
- Nein. Heute habe ich nicht gearbeitet. Tagsüber könnte ich nicht arbeiten. Ich war den ganzen Tag besoffen. Ehrlich gesagt bin ich immer noch.
- Das haben wir alle bemerkt. Ich würde mich nicht wundern, wenn Sie über A3 nach Bierstadt fahren würden. Ich denke es ist besser, wenn ich selber fahre. Ich habe bestimmt weniger pro Mill im Blut.
- Es ist eine Frage der Ehre. Ich lasse mich nicht von Anderen gefahren werden. Hier ist meine Revier und nur ich bestimmte den Weg und die Route.
- Sie mussen das tun, was die Kunden möchten. Das sollen Sie wissen. Kunde ist König.
- Aber nicht im Deutschland. Und erst recht nicht bei mir. Ich selber als Kunde habe immer nur Arschtritt gekriegt. Im Deutschland sind die anderen König. Die Behörden, die Ämter, die Verkäufer, die Handwerker und nicht vergessen, die Fahrer. Die Kellner sind auch König. Letztes Mal in einem Restaurant wollte ich Reis essen, statt dessen hat man mir Kartoffeln gebraucht. Natürlich habe ich nicht protestiert, dann ich weiß als Kunde habe ich kein Recht. Aber der Kellner hat aus meinem Gesicht gelesen, dass ich unzufrieden war.
- Und was hat der Kellner dazu gesagt?
- Nicht vieles. Er hat mich schief angeguckt und gesagt:
„ ...... Kartoffel ist gesund. Kunde hält den Mund ...... “
Mittwoch, 18. Juli 2007
Sie ist selber ein Kind, hat noch keine Ahnung vom Leben und ist noch nicht reif genug um so eine große Verantwortung zu übernehmen. Ich schätze sie ca. 15 Jahre alt. Sie hat kurze, blonde Haare, große helle Augen. Lächelt zart und süß mit ihrem ganzen Gericht. Sie wirkt so kindlich und so unschuldig wie ein Baby, das auf eine warme Umarmung wartet, oder auf jemanden, der kommt und es mit nimmt. Ich habe den Eindruck, dass sie gerne etwas fragen oder um einen Rat bieten würde, aber sie tue es nicht. Ihr Blick ist zerstreut. Sie versucht sich zurecht zu finden. Sie quält sich um ruhig und stabil zu bleiben.
Es gelingt ihr aber nicht. Das Gefühl der Überforderung ist ihrem Gesicht deutlich zu spüren. Ich habe die Befürchtung, dass sie jedes Moment hinfällt und zerbricht. Sie scheint mir wie ein dünnes Glas, das sorgsam behütet und beschützt werden soll. Ich sehe, dass sie unter einem schweren Last leidet. Ich würde gerne etwas für sie tun. Ich wünschte, ich könnte etwas für sie tun, sie irgendwie erleichtern, ihren Last erträglicher machen, ich weiß aber nicht wie. Sie braucht von einem Lächeln erwärmt zu werden. Ich lächele ihr zu und nehme ihr etwas ab.
Sie hat ein Baby im Schoss eine lebendige Puppe. Das Baby könnte eigentlich ihre Schwester oder ihr Bruder sein. Sie will das Baby zum Arzt bringen.
Das Baby sieht nicht so glücklich aus. Wie kann es glücklich sein wenn sie selber nicht glücklich ist. Sie kann nicht einmal das Baby richtig tragen, das bloße Tragen breitet ihr viel Mühe. Sie braucht selber in einem mütterlichen Arm getragen zu werden. Sie soll selber von einem Erwachsenen betreut werden. Ich sehe vor mir zwei Kinder. Jeder fällt de anderen zum Opfer. Beide unschuldig und beide im Leben verurteilt und verdammt. Das eine spielt die Rolle der Mutter. Eine Rolle, der der es nicht gewachsen ist. Eine Aufgabe, die es zusammenbricht und zerquetscht. Das andere, ein Kind, dem sein Kindheit jetzt schon verloren ist. Ein grausames Spiel. Sie machen sich beide gegenseitig kaputt und doch sind sie beide unschuldig.
Sie siegt ein und wir fahren los. Unterwegs erzählte sie mir, dass sie siebzehn Jahre alt ist. Dass der Vater von Baby nicht mehr in Deutschland lebt. Er ist kurz nach der Bekanntschaft mit ihr wieder nach Amerika zurück gegangen und seitdem hat sie seinen Spur verloren. Sie hat damals versucht ihn aufzusuchen und ihm über ihre Schwangerschaft Bescheid zu sagen aber niemand konnte ihr helfen. Keine Adresse keinen Telefonnummer, nichts, gar nichts von ihm war zu finden. Er ist einfach schnell verschwunden. Schnell, wie er aufgetaucht war.
Sie sagt, dass ihre Mutter ihr dabei hilft, das reicht aber nicht. Sie vermisst den Vater des Kindes. Oder jemanden, der diese Rolle spielt, jemand der diesen leeren Platz neben ihr befullen kann. Und während sie redet und von ihre Verlegenheit erzählt verblasst ihr Gesicht und verliert mehr und mehr Farbe und Lebendigkeit. Ihre Stimme bebt, wird leiser und leiser, schließlich bekommt sie Tränen in die Augen.
In meinem Gedanken bildet sich ein negatives Perspektiv. Was wird aus dem Kind?! Kann es ohne Vater mit einer Orientierungloser Mutter das Leben meistern? Wie stellt sich diese junge Mutter die Zukunft vor?
Ich hätte lieber einen Schulranzen auf ihrem Rücken gesehen, statt ein Baby im Schoss. Ich hätte sie lieber in die Schule gefahren und nicht zum Kinderarzt. Sie gehört in der Schule. Sie soll noch vieles lernen. Vieles erleben. Sie braucht Zeit für sich. Viel Zeit. Zeit zu lernen, zu spielen, zu lachen, zu weinen und sie braucht Raum für ihre Entwicklung. Sie braucht viel Zeit und Raum für sich selbst.
Sie steigt aus zusammen mit dem Baby verschwindet hinter einer Glastür.
Und hinterlässt in mir ein trauriges Bild: ein alleinerziehendes Kind.