„ Geh zu Hölle, du Scheißkerl! Verschwinde aus meinem Leben. Ich will dich nicht mehr sehen. Nie mehr. Es reicht mir. Ich kann nicht mehr, nicht mehr. Verschwinde sofort. Geh raus. Geh zum Teufel. “
Hatte sie gesagt. Dann hatte sie die Tür geöffnet, die Hand ausgestreckt und mit dem Zeigefinger nach außen gezeigt: „ Hau ab! “
- „ Hör auf Julia, lass uns reden! “, bat er unbeholfen und versuchte sie zu beruhigen.
- „ Ich will keine Entschuldigung mehr. Ich will nichts mehr hören. Es gibt nichts mehr zu reden. Du kotzt mich an, Scheißkerl! “
Sie war wütend, von dem ganzen Zorn der Welt gepackt. Sie war verletzt, tief verletzt. Sie könnte keinen Vertrauenmissbrauch mehr ertragen. Sie war am Ende ihrer Toleranz. Sie wollte keine Puppe mehr sein. Und sie hatte Recht. Jedenfalls, dachte sie so.
- Bitte hör mir zu Julia, ich kann alles erklären.
- Das kannst du deiner Oma erzählen!
Sie streckte wieder die Hand und winkte in andere Richtung. „ Verpiss dich endlich! “, war ihr letzten Wörter. Sie schloss die Tür mit einem heftigen Schub hinter ihm.
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Sie blieb hinter der geschlossenen Tür stehen. Es war ihr gutes Recht aufgebracht zu sein. Sie sollte einmal ihre starke Seite zeigen. Und gerade das hatte sie getan. Sie war zufrieden mit sich. Sie musste jetzt aber erstmal alles verdauen. Alles drehte sich um sie herum. Sie atmete tief die dicke Luft ein. Machte die Augen zu und fing an zu weinen, erst leise, dann laut und immer lauter bis ihr Kopf ein bisschen erleichtert wurde und die Luft dünner. „ Warum weine ich? “, fragte sie sich. „ Ich brauche nicht mehr zu weinen. Ich bin frei und nun nur für mich selbst da. Ich bin frei und glücklich. Ich brauche mich nicht mehr zu ärgern, Scheißkerl! “
Sie schaute heimlich durch das Fenster, nach dem Scheißkerl. Aber er war nicht da. Sie wollte nur sicher stellen, dass er endlich weg war.
Und er war weg. Sie blieb mühsam, stumm und ohne Bewegung. Vielleicht klopfte jemand an die Tür. Vielleicht klingelte das Telefon. Sie wartete in der Stille, vermied jedes Geräusch, nichts war zu hören. Nichts. Er war tatsächlich weg. Und sie war wahrhaftig frei. Das gewünschte Alleinsein war schließlich hergestellt. Sie hatte jetzt ihre Ruhe. Sie konnte sich fortan an wichtige Sachen konzentrieren. Der Streit war vorbei, der Nervenkrieg zu Ende.
Komm heiliges Alleinsein!
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Die Wohnung war durcheinander, wie ihre Gedanken. Überall herrschte Unordnung. Schmutzige Teller von gestern und vorgestern. Kleidungsstücke auf den Stühlen. Zeitungsblätter auf dem Boden. Trockene Blumen in Vase, mit gelblichem Wasser. Staub auf allen Möbeln. Trübe, dunkele Fenstern, Kaffeeflecken auf der Tischdecke und stickender Mülleimer.
Es sollte künftig keine Unordnung mehr in ihrem Leben geben. Es sollte eine neue Zeit beginnen, eine sinnvolle Zeit, mit Disziplin und Ruhe. Die gewünschte Ruhe. Endlich.
Die Aufräumungsarbeit tat ihr gut, ließ die Zeit unbeschwert vergehen, milderte ihr Zorn. Sie wichste die ganze alte Staub weg. Unterdessen warf sie ab und zu den Blick auf das Telefon, das nicht geklingelt hatte. Die Küche glänzte wieder nach vielen Tagen. Der Blick durch Sauberkeit der Wohnung war erfreulich. Die neuen Blumen strahlten lebendig in der Vase mit sauberem Wasser und die frische Luft, die durch offenes Fenster den Raum füllte, brachte ihr neue Hoffnungen.
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Es wurde Nacht. Mit ihr kam die Kälte und Dunkelheit. Die Fenster sollten geschlossen werden. Alleinsein wurde zur Einsamkeit und Einsamkeit bereitete sich aus. Sie warf noch einen Blick auf dem Telefon. Ihr fiel auf, dass Telefon den ganzen Tag nicht geklingelt hatte. Funktioniert es überhaupt?. Sie hob den Hörer ab. Ein ständiger Ton, nichts mehr war zu hören. Es wurde kälter. Sie schaltete die Heizung an. Nahm die Zeitung in die Hand und setzte sich hin. "Dieses verdammte Telefon klingelt immer noch nicht". Sie langweilte sich mit den Zeitungsartikeln. Ein Gefühl der Kälte packte sie an den Füssen. Sie rieb die Füsse aufeinander. Es half nicht viel. Die Kälte stieg an und umfasst ihren ganzen Leib. Sie rollte sich zusammen ein. Sie hasste den Frost und sehnte sich nach Liebe und Trost.
Kein Feuer der Welt konnte sie erwärmen. Die Einsamkeit, die ihr Stolz hätte sein können, lag ihr nahe zu erstarren. Sie machte die Augen zu und schlief ein.
Das war der Tag davor.
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Der Wind kam aus dem Süden, über Rhein, wie immer, schmeckte aber seltsam. Er drehte sich zwischen Bäumen, zog durch den Schlosspark, machte in Biebrich Runde, drehte sich weiter und wusste nicht wohin. Er wollte nur weg, weit weg von Wiesbaden.
.... Man braucht nicht immer zu wissen wo man hinfährt. Das Ziel ist nicht relevant. Wichtiger als das Ziel ist die Bewegung selbst. So wie der Wind es macht, ist richtig. Ein fester Punkt ist bedeutungslos, Stillstand und die Stunde Null.
Der Wind stirbt nie. Er kann nicht sterben. Er ist an keinen festen Ort gebunden und ist doch überall anwesend. So lange die Fahnen flattern, so lange die Blätter knistern, so lange der Rhein fließt und die Möwe ein Begriff ist, lebt der Wind weiter ... lieber wäre sie auf den Wind angestiegen und mit ihm fortgeflogen, ...
„ ... du musst selber wissen was du willst, mein Kind. Ich mache dir keine Vorwürfe. Keine kann dir was vorschreiben. Du bist ein Erwachsene. Ein vernünftiges Mädchen.
Weißt du! Das Leben achtet nicht auf uns. Wir müssen damit zurecht kommen. Wir müssen sein Spiel mitspielen. Letzte Entscheidung musst du selbst treffen ... “
Sagte ihre Mutter am Telefon und fügte hinzu: „ vergiss nicht, ich bin immer für dich da, was auch immer passiert. Ich liebe dich mein Mädchen. “
Sie fand keine Wörter mehr. Verabschiedete sich von ihrer Mutter. Nachdem sie aufgehängt hatte, fing sie an mit ihrer Mutter zu reden:
„ ... Warum? ... Warum Mutter hast du mich nicht gelehrt was Liebe ist? ... Warum hast du mich nicht davon gewarnt ... Woher sollte ich wissen, dass alles Lüge ist ... diese große Lüge ... diese dreiwörtige Lüge hat mich ruiniert ... Du hättest mir sagen müssen ... Du hättest mir von diesem Unheil behüten müssen. “
Sie zündete sich eine Zigarette und dachte nach:
„ ... Ich pfeife auf deine Philosophie ... wie oft habe ich deine Quatscherei herunterschlucken ... In Philosophie wird Suppe gekocht, eine kalte Suppe in einer leeren Küche. Die billige Suppe lässt sich teuer verkaufen. Sein Geschmack liegt in seiner Geschmacklosigkeit. Sie soll nicht nur satt machen, sondern auch heilen. Ich habe von deiner Suppe Bauchschmerzen bekommen und doch von grösser Erlösung geträumt. Erstaunlich wie leidenschaftlich diese Suppe eingenommen wird ...
Kein Philosoph auf der Welt kann sich selbst verstehen. Es ist überhaupt nicht nötig, und gerade das macht die Philosophen für andere Menschen interessant. Die Menschen sollen sich diese Denker und ihre Wörter zu begreifen zwingen und nicht umgekehrt. Und die Menschen zwingen sich all die Unsinne, die nun Philosophie heißt aufzunehmen ... Weißt du warum? ... Ganz einfach, weil wir uns über Lügen freuen. Die Lüge entspricht der menschlichen Seele. Man hört sie gerne. Man eignet sich diese an. Man fühlt sich verarscht und wird erleichtert. Du bist der grösste Philosoph ...
... Du Scheißkerl! ... “
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Der Tag war müde, machte unwillig der Nacht Platz und verschwand säumig hinter dem Horizont.
Das war der Tag danach und er ging ganz langsam vorbei, als wollte er überhaupt nicht vergehen.
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Und was war dazwischen ?
Dazwischen?? ... wusste sie nicht, wirklich nicht. Dazwischen war dunkel. Es gab nur eine Lücke, sonst nichts ; ein dunkles Indefinitum, in dem alles verschwindet. Das gibt es immer noch. Die Philosophie hat diese Lücke noch nicht geklärt.
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ENDE
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